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FrolleinDoktor

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November 2019

 

26. November 2019 |

Rock the Elphi

Die malische Sängerin und Gitarristin Fatoumata Diawara lässt den Großen Saal erbeben 

Fatoumata Diawara und ihre Band – das Publikum swingt bereits mit.

Diese Frau ist ein Ereignis. Schon bevor sie die Bühne betritt, ist ihre rauhe, tiefe Stimme zu hören, mit einem afrikanischen Lied, das unmittelbar ins Herz geht. Nicht nur wegen der eingängigen Rhythmen und der melodischen Kraft dieses Gesangs, sondern weil Fatoumata Diawara alles in diese Klänge legt, wessen sie fähig ist – ihre ganze afrikanische Seele. 

Und dann kommt sie, in einem weit schwingenden bunten Rock, mit schwarzem Tüll unterfüttert, die Haare unter einem großen schwarzen Turban versteckt, und von Kopf bis Fuß Musik, nichts als Musik, begleitet von vier phantastischen Musikern an E-Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug. Oft begleitet sie sich selbst noch zusätzlich auf der E-Gitarre – und zeigt, dass sie darin genauso virtuos ist wie im Umgang mit ihrer Stimme. 

Sie moderiert das Konzert selbst und macht auch aufmerksam auf die Missstände auf diesem Kontinent, auf Armut, Hunger, Kriege, Ausbeutung. Leider versteht man sie schlecht – die Musiker untermalen ihre Worte, und das ist dann doch ein bisschen zu laut ausgesteuert, so dass man das Gesprochene oft nicht ganz versteht. Auch bei den Songs hätte man sich oft gewünscht, dass sich der Sound etwas zurücknimmt und dem Gesang mehr Raum lässt. 

Zwischendurch fegt sie tanzend über die Bühne, dass der schwarze Turban wegfliegt und ihre Rasta-Zöpfe freilegt, und damit ist sie dann noch mehr sie selbst. Ihr Statement ist eindeutig: "Open the borders, brothers and sisters – we are all human beings!" Öffnet die Grenzen, Brüder und Schwestern, wir sind alle nur Menschen! 

Anderthalb Stunden lang rockt Faoutmata Diawara die Elbphilharmonie, mit nachdenklichen, wehmütig-melancholischen Liedern, aber dann auch wieder mit so viel Energie und Lebensfreude, dass es das Publikum kaum auf den Sitzen hält – und so lassen sich die Zuschauer nicht lange bitten, als sie das Signal gibt aufzustehen und mitzuswingen, mitzutanzen, die Lebensfreude zu zeigen. Einmal bittet sie alle, im Takt auf- und abzuhüpfen, und fast hat man da etwas Sorge um die Statik ... ob die Architekten das wohl mitbedacht haben, wie sich die Aufhängung des Saales verhält, wenn bei einem Konzert 2000 Menschen gleichzeitig auf der Stelle hüpfen ...???

Das Publikum entert die Bühne des Großen Saals ... 

Es macht Fatoumata Diawara glücklich, wie das Publikum hier mitgeht, und als wäre das nicht genug, holt sie die Leute zum Schluss sogar auf die Bühne – das hat es so bisher nur selten gegeben, die Saalordner haben erkennbar Mühe, alles unter Kontrolle zu behalten. Ein fulminantes Finale! 

 

02. November 2019 |

Mariss Jansons – der Magier

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Rudolf Buchbinder in der Elbphilharmonie 

Rudolf Buchbinder und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons am 29. Oktober 2019 im Großen Saal der Elbphilharmonie. Foto: Daniel Dittus

Was für ein rührendes Bild gleich zu Beginn: Zwei kleine alte Herren, leicht gebeugt schon, aber von erkennbar unbeugsamer Würde, betreten mit kleinen, fast etwas unsicher wirkenden Schritten die Bühne des Großen Saals der Elbphilharmonie. Es sind Rudolf Buchbinder, 73 Jahre alter in Tschechien geborener österreichischer Pianist, und Mariss Jansons, 76 Jahre, der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Und dann strafen die beiden jegliche Gebrechlichkeit Lügen, denn welche Kraft und Lebendigkeit entfaltet sich hier schon vom ersten Ton an!

Zu Beginn stand das Klavierkonzert A-Dur KV 488 von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm, eines seiner bekanntesten und meistgespielten Werke. Buchbinder und das Orchester spielen diese delikate Komposition ausgesprochen unprätentiös, ohne jegliche Manieriertheit, aber doch mit dem nötigen Schmelz, vor allem im Adagio und mit der jubelnden Freude im Allegro assai, dem Schlusssatz. Da passt alles perfekt zueinander. Und Buchbinder bedankt sich für den langanhaltenden Beifall mit einem Stück von Johann Sebastian Bach, in dem er alle seine Fingerfertigkeit noch einmal voll entfalten kann. 

Nach der Pause dann die 10. Sinfonie E-Moll op. 93 von Dmitri Schostakowitsch, entstanden nach dem Tode Stalins, der Schostakowitsch das Leben zur Hölle gemacht hat. Und so ist diese Sinfonie eine Abrechnung und ein Befreiungsschlag zugleich, sie durchmisst alle Höhen und Tiefen, allen Jubel, dass der Peiniger endlich in der Hölle schmort, aber auch alle Verzweiflung, die der Komponist zu seinen Lebzeiten durchlitten hat.

Vor allem im zweiten Satz, in dem Schostakowitsch die Gräuel des 2. Weltkriegs in tosende Tonfolgen umsetzt, kann dieser Saal seine gesamte Klangpracht entfalten, weil das Orchester seine Akustik zu nutzen versteht – dieses Volumen und zugleich diese Transparenz! Nicht minder bewegend die leisen, ruhigen Stellen im dritten und vierten Satz, in denen Holz- und Blechbläser ihre Instrumente erblühen lassen und die Streicher mit einem Strich die Bogen führen. 

Die Musiker spielen, als gäbe es kein Morgen. Sie folgen ihrem Chefdirigenten so schmiegsam, dass eine kleine Regung der Finger genügt, um den Klang zu erzeugen, den sich der kleine, zarte, aber doch so energiegeladene Mann am Pult wünscht. Von seinen Händen geht eine Weisheit aus, die sich selten so zeigt. Und der ganze Große Saal atmet mit – es ist eine selten zu erlebende Einigkeit, die aus dem Publikum und den Musikern ein Ganzes schmiedet. 

Es ist ein denkwürdiger Abend, der mit Standing Ovations endet, mit einem erkennbar glücklichen Dirigenten, ebenso zufriedenen Musikern und einem Publikum, das reicht beschenkt den Heimweg antritt. Was für ein Erlebnis! 

 

Nachtrag am 1. Dezember 2019: Soeben kam die Nachricht, dass Mariss Jansons heute gestorben ist. Was für ein Verlust. Und was für ein Glück, dass der Norddeutsche Rundfunk das oben besprochene Konzert aufgezeichnet hat und am 1. Januar 2020 zum Neujahrstag auf NDR Kultur senden wird. Es ist vielleicht das letzte gewesen, das Mariss Jansons noch dirigiert hat. Er wird fehlen. 

 

 

 

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